Hamburger SV: Geteilte Lager beim krisengeschüttelten HSV

Die WELT sprach mit Rechtsanwalt Wieschemann über die Finanzen des HSV. Vom 21.6.2015:

Gut ein Jahr nach der erfolgreichen Initiative HSV plus sind die Befürworter von damals nicht mehr in einem Boot. Vor allem zwischen Ernst-Otto Rieckhoff und Kühne/Gernandt knirscht es.

Karl Gernandt ist Aufsichtsratschef beim krisengeschüttelten Fußball-Bundesligisten Hamburger SV – vorletzten Sonntag war Jahreshauptversammlung der „Rothosen“ in der Westtribüne, und Gernandt glänzte, für viele bis heute unverständlich, durch Abwesenheit. Offenbar war er auf Geschäftsreise. Dabei gab es viel aufzuarbeiten beim Fast-Absteiger der Vorsaison.

Doch Gernandt hatte die Rechnung ohne den Ex-Aufsichtsratsboss Ernst-Otto Rieckhoff gemacht. „Wehret den Anfängen“, mahnte dieser nach seiner Vorstandsschelte vor einer zu großen Einflussnahme von Fremdinvestoren. Gemeint waren: Der große Geldgeber und Milliardär Klaus-Michael Kühne und sein verlängerter Arm im Verein Karl Gernandt. Vor einem Jahr war Rieckhoff immerhin noch dessen Mitstreiter bei der „HSV plus“ genannten Ausgliederung der Profiabteilung aus dem Gesamtverein in eine Fußball-AG gewesen. Am lautesten hatte damals Gernandt gejubelt. Neben ihm stand ein skeptisch dreinblickender Rieckhoff. Auch wenn frisches Investorengeld und eine Verschlankung von verkrusteten Vereinsstrukturen das erklärte Ziel der Ausgliederung gewesen waren.

Eitle Nabelschau, verletzte Eitelkeiten

Nur ein Jahr später sollen die beiden honorigen Herren komplett über Kreuz sein, von eitler Nabelschau ist die Rede, es geht um verletzte Eitelkeiten. Es ging damit los, dass Gernandt, mittlerweile Aufsichtsratschef des HSV, im Vorfeld der AG-Gründung Wahlkampf für Dietmar Beiersdorfer als neuen Vorstandsvorsitzenden betrieben hatte. Rieckhoff, ein bisweilen sturer, aber integrer Hanseat, war dies zu indiskret. So ging es bei den beiden Alphatieren von Anfang an auch um eine Stilfrage. Gernandt, teilweise auf deutschen Eliteschulen in Rio de Janeiro aufgewachsen, 100-Meter-Bestzeit in jungen Jahren 10,6 Sekunden, war nach seiner Bundeswehrzeit einmal Assistent beim Chef der Deutschen Bank gewesen, bevor er nach weiteren Stationen schließlich Generalbevollmächtigter bei Kühne+Nagel wurde.

Eben jenes internationale Logistikunternehmen, dessen Boss insgesamt 34,75 Millionen Euro in den hochverschuldeten Klub gepumpt hat. Der Bruch zwischen Gernandt, der den Ruf nicht loswird, Interessen zu verquicken und Rieckhoff war endgültig, als Kühne, dessen Darlehen bis Ende 2014 auf 25 Millionen Euro angewachsen war, von seiner avisierten Umwandlung in Anteile auf einmal nichts wissen wollte und die Daumenschrauben beim HSV ansetzte. Als er kurz darauf dann doch 7,5 Prozent für 18,75 Millionen Euro erwarb, war die Erleichterung bei den HSV-Verantwortlichen groß, nicht so bei Rieckhoff.

Sein Vorwurf: Die Summe ergab lediglich einen Wert der Gesamtmarke HSV von 250 Millionen Euro. „Von einem guten Deal zu sprechen, trifft für Kühne zu, nicht für den HSV“, wetterte Rieckhoff nun. Immer wieder deutete er in seiner Brandrede auch an, dass die Besetzung des Chefpostens im Kontrollgremium durch den Kühne-Adlatus Gernandt mehr als nur ein Geschmäckle habe. Der „externe Einfluss und deren Duldung“ würden „durch die persönliche Abhängigkeit vergünstigt“. Schließlich hätten externe Wirtschaftsprüfer einen Wert von 330 Millionen Euro oder mehr ermittelt.

Rieckhoff enthüllte ebenfalls, dass der damalige Wunsch-Coach, Thomas Tuchel, im März von Frankfurt nach Mallorca, per Privatmaschine in Kühnes Privatdomizil geflogen wurde. Auf Kosten der Vereinskasse wurden hierfür 20.000 Euro berappt. Der 64-Jährige tadelte weiter, dass Gernandt dem Klub nun auch noch einen Versicherungsmakler aufdrängte, der zum Kühne-Imperium gehört. Gernandt ist derweil auch medial komplett abgetaucht. Zuletzt hatte er vehement gezetert, als der Direktor Profifußball Peter Knäbel im März für zwei Spiele Interimstrainer der Profi geworden war, bis schließlich Bruno Labbadia als neuer Cheftrainer installiert wurde.

Neues Ungemach um Jonathan Tah

Die neuen Animositäten kommen zur Unzeit, denn die operative Führungstroika um Beiersdorfer, Knäbel und Sportdirektor Bernhard Peters feilt akribisch an der Zukunft des Traditionsvereins. Einerseits muss der HSV auch Spieler mit laufenden Verträgen loswerden, um den kompletten Spieleretat von 52 Millionen Euro um mindestens zehn Millionen zu reduzieren, anderseits junge, kostengünstige Akteure verpflichten, um endlich eine schlagkräftige Truppe zusammenzubekommen. „Wenn ich das Geld für Spielergehälter nicht durch Einnahmen finanziert bekomme, kann ich sie entweder nicht mehr bezahlen oder muss Darlehen aufnehmen, sagte unlängst der Anwalt für Wirtschafts- und Insolvenzrecht, Christof Wieschemann, in Bezug auf den HSV. Oder eben Fremdinvestoren mit ins Boot holen, die dann mitreden wollen.

Nun droht zusätzliches Ungemach, weil der 19-jährige HSV-Spieler Jonathan Tah (Vertrag bis 2019), der im Vorjahr an Fortuna Düsseldorf ausgeliehen wurde, von Bayer Leverkusen umworben wird. Bei einer Summe von sechs Millionen Euro aufwärts dürfte der Innenverteidiger, der vielen Experten als neuer Jerome Boateng gilt, wohl weg sein. Leverkusen kauft regelmäßig, mit dem Geld der Bayer-Werke im Rücken, dem HSV seine besten Spieler weg. Im Sommer 2013 war es Heung-Min Son gewesen, ein Jahr später Hakan Calhanoglu. Auch wenn der HSV, den immer noch Verbindlichkeiten von 90 Millionen Euro plagen, insgesamt 42,75 Millionen Euro Investorenkapital eingesammelt hat, kann er da nicht mithalten.

Selbst Mainz 05 oder der Tabellenfünfte 1. FC Augsburg reüssieren mit einem Kader, der 20 bzw. rund 30 Millionen Euro günstiger ist, als der der Hamburger. Der SC Freiburg, der mit viel Pech abstieg und nur einen Platz hinter dem HSV rangierte, glänzt seit Jahren durch nachhaltige Arbeit, gerade im Nachwuchsbereich, und zog gerade wieder sechs von ihnen in den Profikader hoch. Beim HSV lag hingegen 2014 noch der gesamte Nachwuchsscouting-Bereich brach, wie Beiersdorfer auf der Mitgliederversammlung einräumen musste. Er und seine Leute müssen hart arbeiten, um den „Wettbewerbsnachteil“ wieder aufzuholen. Störfeuer von außen können sie da nicht gebrauchen.

Martin Sonnleitner

https://www.welt.de/regionales/hamburg/article142833727/Geteilte-Lager-beim-krisengeschuettelten-HSV.html

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