Erste Anhörung vor der IOC Oswald Kommission am 30.10.2017 in Lausanne

 

Das bisherige Verständnis von der so genannten Duchess-List ist Legende

Evgeniy Below und Alexander Legkow entlastet.

 

Das System, das Richard McLaren in seinem Bericht als Independent Person IP beschrieben hat, ist beispiellos.

Es erfordert deswegen von allen Parteien einen beispiellosen Ansatz bei der Bewertung der Beweise und Schlussfolgerungen des IP reports und der ergänzenden Beweise.

Der Hauptunterschied zu normalen Anti-Doping-Regelverletzungen liegt auf der Hand. Im Falle eines nachteiligen analytischen Befunds genügt der Nachweis, dass eine verbotene Substanz im Körper des Athleten aufgetreten ist, da es die persönliche Pflicht jedes Athleten ist, sicherzustellen, dass keine verbotene Substanz in seinen Körper gelangt. Mit anderen Worten, der Athlet ist für seinen Körper verantwortlich.

Im Gegensatz dazu liegt die Verantwortung für die Lagerung und Handhabung der Proben gemäß Art. 5.1. des IOC Anti-Doping-Reglement 2014, nachdem die Athleten die Probe dem Doping Kontroll Offizier ausgehändigt haben, beim IOC, in erster Linie bei der IOC Medical Commission.

Dies bedeutet, dass der Nachweis, dass die Doping Probe eines Athleten manipuliert wurde, kein  Nachweis einer Anti Doping Rule Violation ADRV des betreffenden Athleten, sondern ein ADRV der IOC Medical Commission ist.

 

Um die Manipulation einem einzelnen Sportler zuzuschreiben, sind mehr Beweise erforderlich.

 

Einige der Beweise könnten dem IP-Bericht und seinen Dokumenten entnommen werden – aber nicht direkt. Der Grund dafür ist, dass IP McLaren nie beauftragt wurde, um gegen einzelne Athleten einen Anti-Doping-Regelverletzungsfall nachzuweisen. Um Zweifel zu vermeiden, sollte der Schwerpunkt der IP Untersuchung auf der Grundlage seines Mandats darin bestehen, Beweise zu prüfen, ob „während der Sotschi-Spiele eine Manipulation des Dopingkontrollprozesses stattgefunden hat“ und die zu die an einer solchen Manipulation beteiligt sein oder davon einen Nutzen haben können.

 

IP McLaren schreibt selbst:

 

Der Grund, warum diese Athletenproben ausgetauscht werden mussten, war, dass sie wahrscheinlich berechtigt waren, den Cocktail bis und sogar während der Spiele zu verwenden.

Dr. Rodtschenkows Aussage ist, dass die meisten geschützten Athleten in Doping-Programmen waren.

 

Das bedeutet nicht weniger, dass weder der IP noch Dr. Rodchenkow selbst behaupten, Wissen zu haben, dass alle „geschützten Athleten“ Doping genommen haben (und möglicherweise einen Nutzen durch den Austausch ihres Urins haben könnten) oder dass alle Athleten von der Genehmigung Gebrauch gemacht haben, die sie wahrscheinlich – aber nicht sicher – erhalten haben.

 

Dementsprechend hat der IP nicht geprüft, ob der Nachweis eines ADRV gegen einen einzelnen Athleten ausreichend ist.

 

Im Gegensatz dazu stellt McLaren heraus: Es ist nicht bekannt, ob Athleten wissentlich oder unwissentlich an den beteiligten Prozessen teilgenommen haben.

 

Die Annahme, es würde genügen, die Manipulation einer Probe eines Athleten zu beweisen und sich im Übrigen auf den McLaren report zu beziehen, würde weit über das hinausgehen, was Richard Mclaren und Dr. Rodchenkov selbst behaupten und würde im Widerspruch zu jedem logischen und rechtsstaatlichen Prinzip stehen.

 

Um jeden Zweifel auszuräumen und ganz deutlich zu sein, es ist nicht unser Ansatz, die Glaubwürdigkeit, die Sorgfalt oder die Unabhängigkeit von Prof. Mclaren anzuzweifen oder gar zu bestreiten. Innerhalb der Beschränkung, die sich aus seinem Mandat ergibt, hat er eine Untersuchung erstellt, die jede Form von Respekt verdient.

Insofern die Verteidigung in der Vergangenheit mehrfach und im weiteren Verlauf wiederholt die Beweise angezweifelt hat, zeigt dies keine Schwäche der Arbeit von Prof. McLaren, sondern den Missbrauch seiner Arbeit zu einem Zweck, für den sie nie gedacht war.

Er konnte vernünftigerweise davon überzeugt sein, dass die Beweise, die er ans Tageslicht gebracht hat, hinreichende Beweise dafür liefern, dass ein Dopingsystem und ein Doping-Vertuschungs-System etabliert wurden, das von der russischen Sportwelt nicht einmal bestritten wird. Aus seiner Sicht und zur Erfüllung seines Mandats waren weitere Untersuchung nicht erforderlich.

 

Richard McLaren verdient deswegen keine Kritik an seiner Arbeit, die ausschließlich dadurch provoziert wird, dass offenbar niemand sein begrenztes Mandat respektiert.

 

Deswegen steht im Rahmen des Result-Managements der Report zur vollständigen Überprüfung jeder Disziplinar Kommission und gegebenenfalls eines CAS-Panels und des Schweizerischen Bundesgerichts, ob der Nachweis gelingt, dass ein bestimmter Athlet eine ARDV begangen hat – und sanktioniert werden kann – oder ob lediglich seine Probe ohne seinen persönliche Beteiligung manipuliert wurde. In diesem Fall muss das Verfahren gegen ihn fehlschlagen.

 

Keiner der verfügbaren Beweise, weder alleine noch zusammen, erfüllt den Standard der „comfortable satisfaction“, um genügend Beweise zu liefern, um die Athleten einer ADRV schuldig zu sprechen.

 

  1. Das CAS entschied bereits in CAS2017 / A / 4968 und CAS 2017 / A / 4969 auf einer faktischen Basis, die stärker war als heute, dass für beide Athleten eine „vernünftige Möglichkeit“ einer Regelverletzung bestand, die für eine vorläufige Suspendierung und weitere Ermittlungen ausreichend war. Es entschied aber auch, dass Sanktionen neue Fakten erfordern würden, die dem panel damals unbekannt waren und über den IP-Bericht hinausgehen müssten. Tatsächlich ist die Beweislage heute schwächer..

 

  1. Die Annahme, es würde genügen, die Manipulation einer Probe eines Athleten zu beweisen und sich im Übrigen auf den McLaren report zu beziehen, würde weit über das hinausgehen, was Richard Mclaren und Dr. Rodchenkov selbst behaupten und würde im Widerspruch zu jedem logischen und rechtsstaatlichen Prinzip stehen.

 

  1. Das von der IP verwendete Codesystem ist immer noch inkonsistent und voller Fehler, die sich gegenüber der Veröffentlichung im Dezember sogar noch deutlich vermehrt haben. Es gibt keinen Beweis dafür, dass ein einzelner Athlet tatsächlich auf einem der Dokumente von Dr. Rodchenkov und dem IP erwähnt wird. Wir haben für einzelne Athleten bis zu vier verschiedene Codes gefunden, die unterschiedlich belastend, oder vollständig entlastend sind.

 

  1. Der Cocktail war offensichtlich (nachweisbar durch die vom IP veröffentlichten Dokumente) verschiedene Athleten angeboten worden, die wahrscheinlich als „berechtigt“ galten, den Cocktail zu benutzen und deswegen auf der Duchess Liste erscheinen, selbst wenn sie sich weigerten Doping zu nehmen oder der Cocktail selbst sie nie erreichte. Das Nachweisfenster für den neuen Cocktail seit 2012 beträgt mindestens zwischen 12 und 14 Tagen. Dies zeigt sich aufgrund der wash out tests.

 

  1. Die Verantwortlichen haben möglicherweise ein weitverbreitetes System innerhalb des Sommersports mit einer ausgeklügelten Kontaktkette zu Trainern und Verantwortlichen etabliert, nicht aber im Wintersport, in dem nur 16% aller Fälle, überwiegend aus Sotchi 2014, stammen.

 

  1. Der Verfasser der Duchess Liste und der Medal by Day List hatten nie einen persönlichen Kontakt oder persönliches Wissen, welche Athleten tatsächlich den Cocktail benutzten. Weder Velikodny noch Rodionova hatten direkten Kontakt zu den Athleten. Ihre Annahme, die in den Listen zum Ausdruck kommt, wird durch nichts bewiesen.

 

  1. Die Sportler können nachweisen, dass die Verwendung des Cocktails für sie sowohl unmöglich aber auch sinnlos war, so dass der Anscheinsbeweis des Erscheinens auf der Dutchess List zumindest erschüttert ist. Das CAS war sogar der Meinung, dass in diesem Fall das Verfahren gegen sie fehlschlagen muss. Beide hatten keinen Nutzen aus dem System, waren aber wegen einer fehlerhaften Annahme der Verantwortlichen dennoch betroffen.

 

  1. Das bisheriger Verständnis der Dutchess List, die Proben Manipulation sei die logische Fortsetzung des Systems in Moskau, um die Athleten lückenlos zu schützen, um Ihnen die Vorbereitung unter Verwendung des Cocktails zu ermöglichen, wird durch den vorhandenen Beweis widerlegt. Die Proben Manipulation hat viele Athleten betroffen, die nachweislich kein Doping genutzt haben, weder unter dem Schutz des Moskauer Labors, noch in Sochi.

 

  1. 2/3 aller Proben von Athleten, die auf der Dutchess List aufgeführt sind, oder der Medal by Day List, zeigen nach dem Ergebnis der neuen forensischen Untersuchungen keine Spuren, die auf die Verwendung eines Werkzeugs zur Öffnung der Flaschen schließen lassen.

Auf der anderen Seite gab es viele Athleten, deren Proben offenbar manipulier wurden, ohne in einem der Dokumente erwähnt zu werden.

Das Verständnis, dass eine oder beide Listen der verbindliche Ablaufplan für die Manipulation waren und die Erwähnung eines Namens den Nachweis erbringen kann, dass ein bestimmter Athlet an der Manipulation teilgenommen hat, ist nicht mehr haltbar. Die Erwähnung auf einem der Dokumente hat keinen Beweiswert.

 

  1. Sogar wenn eine Probe Spuren des Werkzeuggebrauchs aufweist und potentiell als manipuliert angesehen werden kann, gibt es keinen schlüssigen Beweis dafür, dass der Urin, der derzeit in der Flasche ist, vom Athleten stammt. Bei 30% der Proben, die vom IP getestet werden, wird durch einen negativen Natrium- und / oder DNA-Test nachgewiesen, dass der aktuelle Urin von verschiedenen Individuen stammt. Das ist eine starke Erschütterung eines Anscheinsbeweises – selbst wenn dieser überhaupt gerechtfertigt war.

 

  1. Einige Sportler haben keine Probe mit Spuren von Manipulationen. Sie sind schon deshalb von jedem Verdacht frei, auch wenn sie auf den Listen erscheinen.

 

  1. Manche Athleten wurden offensichtlich nur mit einigen ihrer Proben als „geschützt“ verstanden, mit anderen nicht, was unmöglich wäre. Das steht im offensichtlichen Gegensatz zur angeblichen Logik des Systems.

 

  1. Der Mindeststandard der Beweisführung erfordert den Nachweis durch DNA-Test, dass der aktuelle Urin in einer manipulierten Probenflasche tatsächlich vom Athleten stammt. Wenn nicht, gibt es keinen Indiz dafür, dass er möglicherweise vor der Manipulation sauberen Urin bereitgestellt hat, der bei der Manipulation ausgetauscht werden konnte.

Aus diesem Grund ist die Pflicht des IOC, einen DNA-Test durchzuführen, wie Prof. McLaren der Disziplinarkommission ausdrücklich empfohlen hat.

Der DNA-Test ist erforderlich, um die Schuld des Athleten zu beweisen und nicht er ist verpflichtet, einen Anscheinsbeweis zu erschüttern. Ohne den DNA-Test gibt es keinen Beweis für die Beteiligung eines Athlten.

 

  1. Selbst, wenn nachgewiesen werden sollte, dass der aktuelle Urin in manipulierten Flaschen vom Athleten stammt, ist es ebenso wahrscheinlich, dass die verantwortlichen Personen den Urin ohne einen Beitrag des Athleten entweder von ärztlichen Untersuchungen im Krankenhaus oder von einer seiner Proben genommen hat, die er in den Jahren vor Sotchi 2014 im Rahmen eines regulären Doping-Testverfahrens zur Verfügung gestellt hat. Diese Annahme wird direkt durch die Beispiele anderer Athleten gerechtfertigt, die vom IP dokumentiert sind.

 

  1. Die Ermittlungen der Disziplinarkommission brachten keine Beweise dafür, dass die Proben der Athleten überhaupt manipuliert wurden, die Athleten an einem Doping Verstoß beteiligt waren oder sie von einer Manipulation einen Nutzen gehabt haben könnten. Die Ermittlung hat zu einer Entlastung der beiden Athleten geführt.

 

  1. Die Verteidigung erwartet ein rechtsstaatliches Verfahren am Montag und dass die Athleten vollständig rehabilitiert werden. Andernfalls ist die Verteidigung bereit, soweit wie erforderlich alle Rechtsmittel auszuschöpfen, auch wenn das Einfluss auf die Durchführung der Olympischen Spiele 2018 in Pyeongchang oder auf die Verbindlichkeit der dort erzielten Ergebnisse haben sollte.

 

  1. Es gibt weltweit viele Stimmen, die so schnell wie möglich Sanktionen fordern. Alle denen sei empfohlen, sich nicht nur oberflächlich, sondern im Detail mit den von Richard McLaren veröffentlichten Dokumenten zu befassen. Das Doping System als solches wird von niemanden bezweifelt. Das zu würdigen ist Aufgabe der Schmid Kommission. Sanktionen gegen einzelne Russische Sportler aus Sochi 2014 ohne ordnungsgemäße Beweise zu fordern, dafür bietet der Mclaren report keine Grundlage.
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